„Die stählerne Brust der Germanen“

Hintergrund

Mit der »Wilhelminischen Ära« (1890-1914) begann für Deutschland eine Zeit des Strebens nach Weltgeltung. So beanspruchte der Staatssekretär des Äußeren Bernhard von Bülow für das Reich einen »Platz an der Sonne«. Eine zentrale Rolle spielte die wilhelminische Flottenpolitik. Ihr Leitspruch lautete: »Weltpolitik als Aufgabe, Weltmacht als Ziel, Flotte als Instrument«. Zeitgleich kam es zur Bildung völkischer Bewegungen im Land, welche Zielsetzungen wie diese für die eigenen Zwecke nutzten. Eine dieser Gruppierungen war der »Alldeutschen Verband«, zu dessen einstigen Mitgliedern auch der Soziologe Max Weber gehörte. Dieser verkündete beispielsweise in Bezug auf die Flotten- und Kolonialpolitik des Deutschen Reiches, dass »nur Herrenvölker den Beruf haben, in die Speichen der Weltentwicklung einzugreifen«.
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Überlegungen zur Quellenauswahl

Der Ausgangspunkt bestand darin, zu untersuchen, in welche Tradition „die Deutschen“ gestellt werden, was diese auszeichnet (Deutschtum) und wie unter anderem im Volk ein Gefühl von Gemeinschaft hergestellt wurde.

In den hier ausgewählten Quellen werden die Deutschen vor allem in eine Tradition mit den Germanen gestellt. So wurden diverse charakterliche und kulturelle Eigenschaften der Germanen positiv konnotiert. Die Wertvorstellungen der „alten Deutschen“ erfüllten dabei nicht bloß eine Vorbildfunktion, sondern sie wurden auch als etwas dargestellt, das den Germanen und – nach Meinung der Verfasser – somit auch den Deutschen von Natur aus innewohne.
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Quelle 1:

„Der Hausvater war der Herr über die Familie und das gesamte Hauswesen. Weib, Kinder, Knechte und Mägde hatten ihm zu gehorchen. Die Frau wurde vom Manne hoch geehrt; sie war nicht seine Sklavin, sondern seine treue Begleiterin durchs Leben, mit der er Leid und Freud teilte. Die Ehe wurde heilig gehalten. Die Römer priesen die Keuschheit und Treue der deutschen Frau. Deren Anhänglichkeit an den Mann war so groß, daß sie ihm sogar in den Kampf folgte. Wurde der Mann vom Gegner besiegt und erschlagen, dann stürzte auch sie sich in ein Schwert, um nicht die Sklavin des Feindes zu werden. Die Freiheitsliebe ging den Deutschen über alles. Treu- und Wortbruch fand man bei ihnen nicht. Ein Handschlag galt als Eid. Die Kinder wurden in aller Sorgfalt zur Treue, Wahrhaftigkeit und Keuschheit erzogen. Auf die Ausbildung des Körpers wurde viel Gewicht gelegt. Hausherr und Hausfrau duldeten keine Verweichlichung. Jedes neugeborene Kind wurde dem Vater vor die Füße gelegt. War es gesund, so blieb es leben; jedes kranke oder schwächliche Kind war dem Tode verfallen.“

Aus:
Hemprich, Karl Fritzsche/ Richard Reiniger, Max: Ratgeber für deutsche Lehrer und Erzieher. Langensalza 1911, S. 11-12.
URN: urn:nbn:de:0220-gd-4254571

Link zum Original:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-4254948

 

Quelle 2:

„Der Charakter der Germanen. a) Charaktervorzüge: Wahrhaftigkeit, Treue, Keuschheit, Gastfreundschaft, Freiheitsliebe, Frömmigkeit, Anspruchslosigkeit und Einfachheit. b) Charakterschwächen: Trunk- und Spielsucht, Rücksichtslosigkeit gegen Kranke und Schwache.
2. Ethisches.
Nur treu!
Ein Mann — ein Wort!
„Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand.““

Aus:
Hemprich, Karl Fritzsche/ Richard Reiniger, Max: Ratgeber für deutsche Lehrer und Erzieher. Langensalza 1911, S. 15.
URN: urn:nbn:de:0220-gd-4254571

Link zum Original:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-4254987

 

Quelle 3:

„Die Größe und Bedeutung eines Volkes hängt nicht bloß von seiner räumlichen Ausdehnung und Kopfzahl ab, noch von seinem Alter, sondern vor allem auch von der Summe der im Volke zu einer natürlichen Einheit verbundenen Eigenschaften, die ein Volk von andern Völkern unterscheidet und die wir schlechthin mit dem von dem Turnvater Friedrich Ludwig Jahn gebildeten Wort „Volkstum“ benennen. So ist das Volkstum verkörpert in der Gesamtheit der einzelnen Mitglieder eines Volkes, das nach Abstammung, Sprache und Sitte eine Einheit bildet. „Aus Millionen Einzelnen besteht das Volk, in Millionen Seelen flutet das Leben des Volkes dahin; aber das bewußte und unbewußte Zusammenwirken von Millionen schafft einen geistigen Inhalt, bei welchem der Anteil des Einzelnen oft für unser Auge verschwindet, bei welchem uns zuweilen die Seele des ganzen Volkes zur selbstschöpferischen, lebendigen Einheit wird“ (Gustav Freytag). Forschen wir nun weiter nach dem geistigen Inhalt des deutschen Volkstums und Wesens, so werden wir vielen lichtvollen Seiten begegnen, durch die es sich vor vielen Völkern des Erdenrundes vorteilhaft abhebt.“

Aus:
Eckert, Max: Deutsche Kulturgeographie. Halle/ Saale 1912, S. 125.
URN: urn:nbn:de:0220-gd-6262595

Link zum Original:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-8583147

 

Quelle 4:

„Der Gefühlston klingt in allen Lebensäußerungen unsers Volkes wider. Infolge des reichen Gefühlslebens hat sich im deutschen Wesen eine Eigenschaft entwickelt, die „deutsches Gemüt“ bezeichnet wird; wir finden sie bei keinem Volke so ausgeprägt und für sie besitzt kein andres Volk einen entsprechenden Namen. Kaum herrlicher offenbart sich das deutsche Gemüt als in der Liebe zu Haus und Herd. Auf das deutsche Gemüt gründet sich die deutsche Familie. Sie zeichnet sich durch die Verehrung und Hochachtung der Hausfrau und Mutter der Kinder aus. Schon die Sagen des grauen Altertums kündeten uns davon, daß bei den deutschen Stämmen das Weib Gegenstand heiligster Verehrung war, und Tacitus hebt diese Verehrung als einen charakteristischen Zug der Germanen hervor. […] Solange die deutsche Familie das bleibt, wozu sie von Natur aus bestimmt ist, deutsche Sitten, deutschen Glauben und deutsche Königstreue zu pflegen, wird das deutsche Volk allen Völkern der Erde vorangehen und für alle künftige Zeiten bestehen. Mehr als wo anders liegt die Zukunft des Deutschen Reichs in der Familie.“

Aus:
Eckert, Max: Deutsche Kulturgeographie. Halle/ Saale 1912, S. 126.
URN: urn:nbn:de:0220-gd-6262595

Link zum Original:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-8583153

 

Quelle 5:

„Das Jahrhunderte lang dauernde Ringen mit den wilden Waldtieren, sowie mit den feindlichen Nachbarn hatte in den germanischen Wäldern ein „kampfesfreudiges Geschlecht“, Männer mit „stählerner Brust“ großgezogen. Waren sie nicht im Kriege oder auf der Jagd, so pflegten sie nach den langen Anstrengungen und Entbehrungen im Hause der Ruhe. Daraus entstand vielfach der Vorwurf, die alten Germanen hätten einen großen Teil ihrer Zeit müßig „auf der Bärenhaut“ zugebracht. Doch war es keine thatenlose Ruhe, der sie sich hingaben. Sie liebten fröhliche Gelage, […]. Ihr Getränk war ein aus Gerste oder Weizen gebrauter Trank, der Ursprung unseres Bieres, sowie der aus Honig bereitete Met. Mit Vorliebe erzählte man sich bei diesen Gelagen die Heldenthaten der Vorväter, und nicht wenige der alten Heldensagen mögen auf diese Weise entstanden und im Volke erhalten worden sein. Nicht selten ging der Kampfesmut, vom Trunk und von den Heldengesängen erhitzt, in einen wilden Tumult über. […]
Andererseits wurden beim Gastmahl fast alle wichtigen Angelegenheiten verhandelt. Hier wurden Aussöhnungen veranstaltet und Ehebündnisse geschlossen; hier wurden Beschlüsse über Krieg und Frieden gefaßt; hier zeigte sich die berühmte Gastfreundschaft der alten Deutschen in ihrem vollsten Glanze; […]
Die Frau genoß bei den alten Germanen eine hohe Verehrung, und dies läßt darauf schließen, daß sie nicht solch barbarischen Sinn besaßen, wie die Römer annahmen.“

Aus:
Böe, August: Leitfaden für den Unterricht in der deutschen Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der kulturgeschichtlichen Momente für die Oberstufe mehrklassiger Volks- und Mit-telschulen, Leipzig 1893, S. 5.
URN: urn:nbn:de:gbv:8:2-4483947

Link zum Original:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-4484097

 

Quelle 6:

„Die Heeresverfassung der alten Germanen hing mit ihren Standesverhältnissen eng zusammen. Das ganze Volk war ursprünglich in Freie und Unfreie geteilt, und jeder dieser beiden Stände zerfiel wieder in zwei Abteilungen, nämlich die Freien in Edelinge und Gemeinfreie, die Unfreien in zins- und dienstpflichtige Hörige (Liten) und in leibeigene Schalke (altd. scalh = Knecht). Letztere waren ursprünglich aus Kriegsgefangenen gebildet und nicht höher geachtet als Tiere oder Sachen, sodaß es kein Unrecht war, sie zu mißhandeln oder gar zu töten. Doch haben wir bestimmte Beweise, daß die Behandlung der Leibeigenen bei den alten Deutschen eine viel menschlichere war als diejenige der Sklaven bei den übrigen Nationen, etwa bei den Römern. Dies geht schon daraus hervor, daß die Kinder der Freien mit denen der Leibeigenen zusammen im Hause aufwuchsen. Erst bei der Wehrhaftmachung trat die Scheidung ein.“

Aus:
Böe, August: Leitfaden für den Unterricht in der deutschen Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der kulturgeschichtlichen Momente für die Oberstufe mehrklassiger Volks- und Mit-telschulen, Leipzig 1893, S. 9.
URN: urn:nbn:de:gbv:8:2-4483947

Link zum Original:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-4484136

 

Quelle 7:

„Aber so lange die alten Germanen noch nicht ein großes Volk waren, sondern in eine Anzahl kleinerer Stämme zerfielen, waren darunter viele, die „keinen König ertrugen“. Bei ihnen wählten die Gaugenossen sich einen Häuptling. Außer der bevorzugten Stellung, welche dieser als Vorsitzender des Volksgerichts hatte, und der Befugnis, das Ackerland unter die Freien zu verteilen, besaß er keine besonderen Vorzüge vor den übrigen Freien; höchstens wurden ihm freiwillige Gaben der Stammesgenossen als Geschenke dargebracht, die eine Art Einnahme für ihn bildeten. Fast immer gehörte der Häuptling einem alten Geschlecht an, das seinen Ursprung bis zu den Göttern zurückführen konnte. Er war umgeben von seiner Gefolgschaft, einer Anzahl von Männern und Jünglingen, die ihr Geschick freiwillig an das seine angeschlossen hatten; denn schon frühzeitig war es eine Sitte der alten Germanen, sich einem Herrn anzuschließen, ihm Treue zu schwören und dadurch sich seinem Dienste zu weihen, also freiwillig sich in ein gewisses Dienstverhältnis zu stellen. Die Gefolgschaft bildete die stete Umgebung des Häuptlings. Er übernahm die Sorge für den Lebensunterhalt und die Ausrüstung seines Gefolges; […]“

Aus:
Böe, August: Leitfaden für den Unterricht in der deutschen Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der kulturgeschichtlichen Momente für die Oberstufe mehrklassiger Volks- und Mit-telschulen, Leipzig 1893, S. 10.
URN: urn:nbn:de:gbv:8:2-4483947

Link zum Original:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-4484149

 

Aufgaben für den Unterricht

1.) In den „Hinweisen zur Quellenauswahl“ ist davon die Rede, dass die Autoren den „alten Deutschen“ Wertvorstellungen zusprachen, die allen Deutschen seit je her von Natur aus innewohnen würden.
Was zeichnet die Deutschen nach Meinung der Autoren aus?

2.) Weshalb waren die zugeschriebenen Eigenschaften für die völkischen Bewegungen im wilhelminischen Deutschland von Bedeutung? Die Informationen unter dem Punkt „Hintergrund“ bieten hierbei eine Hilfestellung.

 

Ihre Meinung ist uns wichtig!

Was ist für Sie „deutsch“ und wie beurteilen Sie den Wert einer nationalen Identität?

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