Pädagogik für Mädchen und Jungen

Hintergrund

Die Pädagogik zu Zeiten des Kaiserreiches unterschied sich noch maßgeblich von der der heutigen Zeit. Einige noch erhaltene Schulbücher aus der Kaiserzeit lassen hierfür Eindrücke gewähren. Der Unterricht in dieser Zeit war für Jungen und Mädchen klar getrennt: Es gab Mädchen- und Knabenschulen. Auch inhaltlich wurden deutliche Unterschiede gemacht: Man legte zwar in beiden Bereichen großen Wert auf einen Geschichtsunterricht, der auf der Grundlage von Personenbeispielen aufbaute, für die Knaben wurde aber überwiegend von ruhmreichen Männern berichtet, für die Mädchen wurde von vorbildlichen Frauen berichtet.
[weiterlesen]

Überlegungen zur Quellenauswahl

Bei den ausgewählten Textstellen handelt es sich um Auszüge aus Quellen, die sich mit dem Frauenbild zu der Kaiserzeit beschäftigten. Sie stammen aus Schulbüchern für Mädchenschulen jener Zeit. Bei der hier getroffenen Auswahl an Quellen wurde unter dem Stichwort „Gender“ nach geeigneten Textstellen gesucht. Die sechs aufgezählten Textstellen stellen dabei exemplarisch typische Aspekte dar.
[weiterlesen]

 

Quelle 1:

Es muß als ein pädagogischer Fehler bezeichnet werden, daß man beim Geschichtsunterricht in Mädchenschulen genau denselben Stoff benutzt wie in Knabenschulen. Welches Interesse haben Mädchen an Völkerbündnissen und politischen Ideen, an Erbverträgen und Teilungen, an Kriegen und Schlachten? Wenn schon das Interesse des Kindes überhaupt bei diesem Unterricht mehr an der Person als an der Sache haftet, so ist dies bei den Mädchen in noch höherem Maße der Fall. Daher sind beim Geschichtsunterricht in Mädchenschulen nur Lebensbilder zu geben. Das Mädchen kann sich zwar auch an Helden begeistern, aber es sich seine Ideale doch vorzugsweise in der Frauenwelt und neben den Lebensbildern bedeutender Männer müssen auch diejenigen berühmter Frauen ausgewählt werden. Diese Auswahl darf sich jedoch nicht bloß auf fürstliche Personen beschränken, es können auch Frauen aus dem Volke in die Erzählungen aufgenommen werden, wenn sie dem Zwecke des Geschichtsunterrichts überhaupt entsprechen.“

Aus:
Hirtz, Arnold: Vaterländische Geschichte für Mädchenschulen. Köln 1884, Vorwort
URN: urn:nbn:de:0220-gd-8013129

Link zum Original:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-8013334

 

 

Quelle 2:

„Sie allein mußte auch das Hauswesen besorgen und die Kinder erziehen. Sie erzog besonders ihre Töchter in ernster, frommer und strenger Sitte zu ihrem künftigen Berufe und unterwies sie selbst in allen Geschäften des Hauses, ja, die Töchter lernten sogar von ihr die Runenschrift, was die Männer als unnütze Spielerei verachteten. Die Ehe galt den alten Deutschen als etwas Heiliges.“

Aus:
Hirtz, Arnold: Vaterländische Geschichte für Mädchenschulen. Köln 1884, S. 8.
URN: urn:nbn:de:0220-gd-8013129

Link zum Original:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-8013388

 

Quelle 3:

Mehrere Stunden des Tages widmeten die Töchter der Arbeit. Während die Söhne sich in körperlichen Übungen vervollkommneten und mit dem Vater auf die Jagd gingen oder in den Krieg zogen, blieben die Töchter zu Hause und saßen am Webstuhl oder beschäftigten sich mit Rocken und Spindel.“

Aus:
Hirtz, Arnold: Vaterländische Geschichte für Mädchenschulen. Köln 1884, S. 24f.
URN: urn:nbn:de:0220-gd-8013129

Link zum Original:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-8013541

 

 

 

Quelle 4:

„Das Oberhaupt des Hauses, dem in allen Dingen die letzte Entscheidung oblag, war natürlich der Mann. Die Hausfrau waltete als die Herrin in Küche und Keller und widmete sich mit Sorgfalt der Erziehung der Kinder. […] Der Mann betrieb sein Geschäft mit Eifer und Hingebung und suchte abends seine Erholung im Kreise der seiner Familie. Nur wenn besondere städtische oder geschäftliche Angelegenheiten zu besprechen waren, ging er in die Trinkstube oder ins Zunfthaus. […] Schon bei unseren alten heidnischen Vorfahren war die Frau nicht wie bei andern Völkern die Sklavin des Mannes, sonder seine traute Lebensgefährtin, die in allen Lagen des Lebens, in Freund und Leid, in Krieg und Frieden, als treue Beraterin und Helferin ihm zur Seite stand. […] Die Frauen begleiteten ihre Männer in den Krieg und von der Wagenburg herab feuerten sie die Streiter zum mutigem Kampfe an. […] Auch im Mittelalter erfreuten sich die Frauen hoher Achtung und Verehrung. […] Auch jeder Ritter hatte zu geloben, daß er ein Beschützer der Unschuld und zum Dienste edler Frauen stets bereit sein wolle. Ebenso gelten in der Neuzeit die Frauen als Hüterinnen, Pflegerinnen und Richterinnen alles Hohen, Edlen und Schönen. […] Der Grundzug im deutschen Frauenleben war Stille und Zurückgezogenheit. […] Ehrbarkeit, Sittsamkeit, Fleiß und häusliche Tüchtigkeit bleiben das Hauptkennzeichen einer echten deutschen Jungfrau […].“

Aus:
Wollschläger, W.: Weltgeschichte in Lebensbildern für Mittelschulen, höhere Mädchenschulen und verwandte Anstalten. Wollschläger, Leipzig 1897, 171f.
URN: urn:nbn:de:0220-gd-4914971

Link zum Original:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-4917179

 

Quelle 5:

Den Ackerbau und die Hausarbeit besorgten die Frauen und das Gesinde. Die Lieblingsbeschäftigung der Männer war Krieg und Jagd. Der deutsche Knabe wurde schon früh durch Abhärtung und geeignete Leibesübungen zum tüchtigen Krieger und Jäger herangebildet; das Mädchen erhielt im häuslichen Kreise von der Mutter in allen Hausarbeiten, namentlich im Spinnen und in der Anfertigung der Leinwand die nötigen Unterweisungen. Die Kleidung der germanischen Frau war einfach. Im Sommer trug sie ein Linnenkleid ohne Ärmel und im Winter Pelzwerk. Das Familienleben war gegründet auf Liebe, Friedfertigkeit, Treue und Keuschheit. Die Frau wurde geachtet und geehrt. Sie folgte ihrem Manne in den Krieg, trug ihm die Waffen nach und spornte zur Tapferkeit und Ausdauer im Kampfe an. Das Lob aus dem Munde der Frauen galt dem germanischen Krieger als hohe Auszeichnung.“

Aus:
Bernard Geyer: Bilder aus der vaterländischen Geschichte für Mädchenschulen. Unter Berücksichtigung deutscher Frauen. Aachen 1885, S. 1.
URN: urn:nbn:de:0220-gd-4062273

Link zum Original:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-4062450

 

Quelle 6:

Die Mutter [Hildegard, die Gemahlin Karls des Großen] unterstützte nach Kräften die Fürsorge ihres Gemahls für eine gute Kindererziehung. Das gute Beispiel des Vater bleib auch für eine gute Kindererziehung nicht ohne Wirkung. […] Die Mutter sorgte, daß die Kinder auch in Ausübung der religiösen Pflichten dem guten Beispiel des Vater folgten und wie dieser, jeden Morgen zuerst die Kirche besuchten. Neben der geistigen Pflege wurde auch die gesunde Entwicklung des Körpers beachtet. Zu diesem Zwecke mußten die Kinder reiten und schwimmen lernen. […] Auf Reisen war die Familie gewöhnlich zusammen, und Söhne wie Töchter saßen zu Pferde. Das Familienleben war recht einfach, sowohl im Essen und Trinken, als in der Kleidung. Die Töchter wurden zu Hause zur Arbeit angehalten. Sie saßen entweder am Webstuhl oder beschäftigten sich mit Rocken und Spindel. Die Kleidung mußten sich die Mädchen selbst anfertigen, und auch der Vater wollte nur Hemden tragen, die von den Töchtern verfertigt waren. Was sie über Bedarf herstellten, wurde an die Armen oder Kirchen verschenkt. Die Töchter gaben durch ihr frommes Wesen, ihren Fleiß und ihre Häuslichkeit allen Frauen des Landes ein nachahmungswürdiges Beispiel.“

Aus:
Bernard Geyer: Bilder aus der vaterländischen Geschichte für Mädchenschulen. Unter Berücksichtigung deutscher Frauen. Aachen 1885, S. 9.
URN: urn:nbn:de:0220-gd-4062273

Link zum Original:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-4062535

 

 

Aufgaben für den Unterricht:

  • Arbeite die Aufgabenverteilung der Mädchen und Jungen aus den Quellen heraus. Was sagt diese Aufgabenverteilung über Geschlechterrollen des Kaiserreichs aus?
  • Analysiere, auf welche Art und Weise die Mädchen im Gegensatz zu den Jungen auf ihre spätere gesellschaftliche Rolle vorbereitet wurden.
  • Setze die Pädagogik der Kaiserzeit in Beziehung mit der heutigen Zeit. Gibt es Unterschiede? Gibt es Gemeinsamkeiten?

 

Ohne die Frauenbewegung wäre das Leben der Frauen vielleicht deutlich einfacher gewesen. Was meinen Sie?

Schreibe einen Kommentar