Propaganda im Schulunterricht: Feindbilder im Ersten Weltkrieg

Hintergrund

Von 1914 bis 1918, zur Zeit des Ersten Weltkrieges, bildete der Schulunterricht im Kaiserreich eine entscheidende Plattform gezielter Kriegspropaganda. Die Schule als Erziehungsinstanz sollte Schülerinnen und Schüler für die Kriegsziele begeistern und ihre Unterstützung an der „Heimatfront“ sichern. Eine einseitige Aufarbeitung der Kriegsgründe und -ereignisse diente im Sinne der Propaganda der Schaffung einer patriotischen Grundstimmung, die ins Elternhaus weitergetragen werden sollte. Im Vordergrund dieses Konzeptes standen das Erlangen von direkter Kriegsunterstützung durch die Familien, beispielsweise als Arbeitskräfte, sowie der Kampf der ideologischen Gegensätze, der zwischen den europäischen Mächten herrschte. Folglich stand das politisierende Element im Fokus des Unterrichts.
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Hinweise zur Quellenauswahl

Ziel der zugrundeliegenden Untersuchung war es, herauszufinden, welche Perspektive die Geschichtsbücher auf die Gegner des Deutschen Reiches während des Ersten Weltkrieges gaben und inwieweit Feindbilder geschaffen wurden, um die Schüler und Schülerinnen für den Krieg zu gewinnen. Daher wurden Quellen ausgewählt, die in den Anfängen des Krieges (1915) und zum Ende des Krieges (1918) veröffentlicht worden sind.
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Quelle 1:

„Aber noch tröstete sich England mit dem Gedanken: Wir sind den Deutschen doch weit voraus; sie können unserem Welthandel niemals gleich kommen. Wir bleiben doch die erste See- und Handelsmacht; dazu haben wir das größte Kolonialreich. Das war alles richtig. Aber 1914 hatte unser Welthandel den britischen fast eingeholt. Dadurch gerieten die Briten in wahre Furcht und glühenden Hass. Im stillen und unter sich nannten sie uns nur noch die verdammten Deutschen (damned Germans). Bauten sie doch sogar schönere und größere und schnellere Ozeandampfer als die Engländer. Da konnten sich viele Briten vor Wut kaum fassen. Sie riefen in ihren Zeitungen aus: Deutschland muss vernichtet werden. Dieses freche Deutschland nistet sich überall ein und verdrängt uns aus alten Handelsplätzen. Es ist unser größter Nebenbuhler. Sein Handel kommt gleich nach unserm. In kurzem wird der deutsche Welthandel den englischen überflügeln. Seine Industrie kommt gleich nach der unsern. In vielen Stücken hat sie die unsre schon übertroffen, z. B. in der Stahl- und Eisenerzeugung. Seine Handelsflotte und seine Kriegsflotte steht auch an zweiter Stelle. Seine Kolonien gedeihen auch. Seine Luftflotte ist sogar bedeutend größer als die unsre. Dazu hat es die schrecklichen Zeppeline. Mit denen kann man sogar bis London fahren und dieses beschießen. Wir sind nicht mehr sicher auf unseren Inseln. Es ist zu schrecklich. Die Deutschen hatten also den Briten nichts Böses getan. Dennoch hassten die Engländer die Deutschen auf bitterste;“

Aus:
Franke, Theodor: Praktisches Lehrbuch der deutschen Geschichte. Der deutsche Weltkrieg I. Leipzig 1915, S. 18.
URN: urn:nbn:de:0220-gd-7824980

Link zum Original:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-7842250

 

Quelle 2:

„Russlands Kriegsgrund.
Unsere Feinde schieben alle Schuld an diesem entsetzlichen Krieg auf Deutschland. Aber nicht das durchaus friedliebende Deutschland hat angefangen, sondern Russland. Dies hatte sogar ohne eine Kriegserklärung uns heimtückisch überfallen. Unser Kaiser wies ja selbst den Zaren daraufhin, wie sehr er mit Russland in Frieden und Freundschaft gelebt habe und weiter leben wolle. Zwischen den Hohenzollern und Zaren hat ja auch meist gute Freundschaft bestanden, wie 1806/7, dann 1813 und 1870. Aber Preußen musste sich doch auch manches von Russland gefallen lassen. Im siebenjährigen Kriege kämpfte Russland gegen Preußen, denn es begehrte Ostpreußen, um gute Ostseehäfen zu erlangen. Im Tilsiter Frieden lies es Preußen im Stich; Napoleon überließ dem russischen Reiche den Osten. Auf dem Wiener Kongress erstrebte Russland Westpreußen und Posen und nur mit Mühe und Not erlangte Preußen diese Gebiete wieder. Der Zar betrachtete sich seit den Freiheitskriegen als Retter und als Beschützer Deutschlands und wollte daher nicht zulassen, dass es sich unter Preußens Führung einte. Es zwang Preußen, Schleswig-Holstein 1850 wieder an Dänemark auszuliefern. Kurz, die russische Vorherrschaft über Deutschland war drückend.“

Aus:
Franke, Theodor: Praktisches Lehrbuch der deutschen Geschichte. Der deutsche Weltkrieg I. Leipzig 1915, S. 12.
URN: urn:nbn:de:0220-gd-7824980

Link zum Original:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-7842196

 

Quelle 3:

„Wie Japan sich einmischte.
England hatte den Weltkrieg eigentlich angezettelt und angestiftet. Es hat gleichsam eine Verschwörung gegen Deutschland und Österreich zustande gebracht. Für diese Verschwörung hat es auch Japan gewonnen. Dem stach unser schönes Kiautschou auf der Schantunghalbinsel schon lange in die Augen. Es schickte auch Anfang Juli 1914 seine Kriegsschiffe nach Kiautschou, damit sie dort den Deutschen einen Freundschaftsbesuch machen sollten. In Wirklichkeit sollten Sie den Hafen ausschnüffeln, wie die britischen Kriegsschiffe ein paar Wochen vorher den Kieler Hafen. Japan konnte natürlich warten. Aber am 19. August legte es die Maske der Freundlichkeit ab. Es berief sich auf sein Bündnis mit England und forderte, dass wir unsere Kriegsschiffe aus Ostasien zurückziehen und ihm das Machtgebiet Kiautschou übergeben sollten. Das war freilich viel verlangt. Wir hatten Japan viel Gutes erwiesen; wir hatten ihm seine Offiziere ausgebildet, Krupp hatte ihm Geschütze geliefert; unsere Hochschulen bildeten viele junge Japaner aus. Alle diese hervorragenden Dienste vergaß Japan und ließ sich von England gegen seinen Wohltäter aufhetzen. Natürlich konnte Deutschland solch ein freches Verlangen nicht annehmen. Es lehnte ab, auf Japans Forderungen zu antworten. So entbrannte der deutsch-japanische Krieg. Es gab nun Krieg auf der ganzen Erde; denn die Kolonien der Weltmächte wurden auch in diesem Weltkrieg mit hineingezogen.“

Aus:
Franke, Theodor: Praktisches Lehrbuch der deutschen Geschichte. Der deutsche Weltkrieg I. Leipzig 1915, S. 11.
URN: urn:nbn:de:0220-gd-7824980

Link zum Original:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-7842186

 

Quelle 4:

„Als wir 1911 den Streit wegen Marokko mit Frankreich hatten, sollte England als Bundesgenosse Frankreichs mit einer Expeditionsarmee von 160000 Mann durch das neutrale Belgien gegen uns ziehen. Der Streit wurde aber noch einmal friedlich beigelegt. Es begannen die deutsch-englischen Annäherungsversuche. Wir wissen heute nicht, ob diese Entspannung von England ehrlich gemeint war. Als nun Russland und Frankreich mit Angriff drohten, ermutigte England diese Mächte und erklärte uns dann gleichfalls den Krieg. Es wollte die günstige Gelegenheit, den gewaltigen Rivalen in Handel und Industrie niederzuzwingen und ihn zu beerben, nicht vorübergehen lassen. So ist der wahre Kriegsgrund Englands nicht die vorgegebene Verletzung der belgischen Neutralität durch Deutschland, sondern der Neid auf unsern wirtschaftlichen Aufschwung, im letzten Grunde also unedler Hunger nach Gold. Das englische Volk mit geistigen und sittlichen Kräften nicht so gut ausgestattet wie das deutsche, auch nicht so gut geschult, sah sich außerstande, uns durch bessere wirtschaftliche Leistungen in der Welt zu überbieten und wollte wie Kain den besseren Bruder Abel totschlagen.“

Aus:
Altmann, Hanns: Wie es zum Weltkrieg kam. Leipzig 1915, S. 9.
URN: urn:nbn:de:0220-gd-5771996

Link zum Original:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-7842196

Quelle 5:

„II. Unsere Gegner. I. England.
Wir stellten fest, dass nach den napoleonischen Kriegen England als Erbe der früheren Kolonialmächte Spanien und Portugal, Holland und Frankreich dastand und damit als einzige Weltnation. So wurde in England die imperialistische Idee, der Imperialismus, besonders gepflegt, der Gedanke eines Weltreichs. Er beruht auf einer großartigen Erneuerung des Merkantilismus und erstrebt die Vereinigung der Kolonien mit dem Mutterlande zu einer staatlich-wirtschaftlichen Gesamtheit. Für überseeische Völker deckte sich europäische Kultur mit englischer. Die gründliche Schulung der Deutschen, verbunden mit unermüdlichem Fleiß, verringerte nun den englischen Vorsprung in Handel und Industrie, sodass ein Überflügeln in absehbarer Zeit zu erwarten war. Zudem baute Deutschland eine Flotte, die Englands Alleinherrschaft auf dem Meere zu gefährden schienen. So mehrten sich in England die Stimmen, man müsse Deutschland vernichten, seine Flotte vor dem völligen Ausbau zerstören. Englands festländisches Politik war – wie wir oben zeigten – immer darauf gerichtet, die stärkste Landmacht Europas zu brechen, womöglich ohne eigene Opfer, durch deren Rivalen; denn auch die Schwächung der Sieger war ihm nützlich.“

Aus:
Altmann, Hanns: Wie es zum Weltkrieg kam. Leipzig 1915, S. 8.
URN: urn:nbn:de:0220-gd-5771996

Link zum Original:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-5772223

 

Quelle 6:

„Das deutsche Friedensangebot.

1. Erbitterung der Gegner.
Die ständig sich mehrenden Erfolge Deutschlands und seiner Verbündeten erfüllten unsere Gegner mit wachsender Erbitterung. Sie hielten sich nicht mehr an die Bestimmungen des Völkerrechts. Schon beim Beginn des Krieges schossen nicht zum Heere gehörige Bürger feindlicher Länder auf unsere Truppen; vereinzelte deutsche Soldaten wurden überfallen, ermordet und verstümmelt. Wehrlose Verwundete wurden nicht verschont, Gefangene beschimpft, gepeinigt, ja selbst zu Tode gemartert; in Frankreich ließ man deutsche Gefangene im Wirkungsbereich des deutschen Feuers Schützengräben herstellen und Munition herbeischaffen, bespie und trat sie, hetzte sie mit Hunden, gab ihnen verdorbene Speisen, brachte sie in ungesunde Länder, versagte ihnen den brieflichen Verkehr mit der Heimat. Wo feindliche Truppen in das Gebiet der Mittelmächte eindrangen, misshandelten und verschleppten sie sogar Frauen und Kinder, verwüsteten die Dörfer und Städte aufs schrecklichste. Englische und französische Flieger Griffin unbefestigte Ortschaften an und warfen Bomben auf friedliche Einwohner. England setzte sich über alle Vorschriften des Seerechts hinweg. Es suchte das ganze deutsche Volk durch Absperrung aus zu hungern; auch die am Kriege nicht beteiligten Staaten Zwanges, ihre Lieferungen an uns einzustellen.“

Aus:
Seehaußen, Richard: Der Weltkrieg bis Ende 1917. Ergänzung zu den Lehrbüchern der Geschichte von J.C. Andrä. Leipzig 1918, S. 44.
URN: urn:nbn:de:0220-gd-6949412

Link zum Original:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-6949998

 

Aufgaben für den Schulunterricht:

  1. Lesen Sie die vorliegenden Quellen. Fassen Sie zusammen, welche Nationen von den Autoren genannt werden und welche zentralen Vorwürfe gegenüber diesen geäußert werden.
  2. Analysieren Sie unter Einbezug der Quellen und des dazugehörigen Kommentars, auf welche Weise die Schulbuchautoren Feindbilder schaffen. Beachten Sie dabei, welche Charakteristika ein Feindbild ausmachen und gehen Sie auch auf sprachliche Mittel ein.
  3. Diskutieren Sie, inwiefern die Darstellung von Sachverhalten im Geschichtsunterricht auch heutzutage Schülerinnen und Schüler zu beeinflussen könnte.

 

„Englands festländisches Politik war […] immer darauf gerichtet, die stärkste Landmacht Europas zu brechen.“ Feindbilder werden stets perspektivisch geschaffen. Inwiefern bildet der Geschichtsunterricht auch heutzutage noch eine Plattform bei der Vermittlung von politischen Tendenzen? Kommentieren Sie!

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