Mädchenschulbildung im Kaiserreich

Hintergrund

Von der höheren Schulbildung blieben Mädchen bis zum 19. Jahrhundert ausgeschlossen. Erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stieg die Anzahl der höheren Mädchenschulen an. Die Zunahme des zu vermittelnden Wissens ab 1850 führte zu steigenden Bildungsanforderungen, zunächst für die Knaben und später auch für die Mädchen. Um die Heiratschancen der Mädchen zu verbessern und eine standesgemäße Repräsentation in der Gesellschaft zu gewährleisten, schickte das Bürgertum seine Töchter vermehrt auf höhere Mädchenschulen. Im Bereich der Frauenbildung hoben sich besonders Vereine der Frauenbewegung hervor. In einer Zeit, in der noch viele glaubten, dass Bildung die Heiratschancen der Mädchen verringerte, musste viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, um deren Ziele durchzusetzen.
[weiterlesen]

Überlegungen zur Quellenauswahl

Bei der Auswahl der Quellen wurde sich ausschließlich auf die Stichwortsuche in der digitalen Schulbuch-Bibliothek gei.digital beschränkt. Mithilfe der festgelegten Stichwörter „Jungen“ und „Mädchen“ wurde in der Volltextsuche eine grobe Auswahl erstellt, die nach genauerer Analyse der Texte eingegrenzt wurde. Aus den einzelnen Textstellen wurde die Sichtweise zu „Gender“ exemplarisch herausgearbeitet und die verschiedenen Epochen (Antike – Mittelalter – Neuzeit) abgedeckt. Ein besonderer Aspekt ist hierbei der Fokus auf der Mädchenbildung.

 

Quelle 1:

„Die Frauenfrage ist daher auch in der neuesten Zeit wieder wie am Ende des Mittelalters eine brennende geworden. Sie spitzt sich auch hier wieder zu der Frage zu: „Was wird aus den unverheirateten Frauen, die keine Versorgung in der Ehe finden, aber sich nicht verheiraten wollen?“ – Die Frage ist der Lösung näher gebracht, wenn jedes junge Mädchen, das die Schule verläßt, neben der Ausbildung für den Haushalt sich noch nach Neigung auf einen bestimmten Beruf vorbereitet, durch den es in die Lage kommt, sich seinen Unterhalt selbständig zu erwerben. Der Erwerbskreis des weiblichen Geschlechts wird sich auch in Zukunft von selbst vergrößern, die Hauptsache ist aber, daß die Frau erwerbsfähig ist. Wer nichts gelernt hat, wird freilich in Not und Bedrängnis geraten. Die Fortbildungsschulen für Mädchen und die gewerblichen Unterrichtsanstalten der Stadt Berlin bieten für ein geringes Entgelt den aus der Schule entlassenen jungen Mädchen Gelegenheit, sich neben der Erweiterung der allgemeinen Bildung für verschiedene gewerbliche Berufe vorzubereiten. Jedes junge Mädchen sollte diese Gelegenheit benutzen. Die Jugend ist die Zeit der Saat. Wer keinen guten Samen ausstreut, der kann auch nicht auf eine gute Ernte hoffen. […] Die rechtliche Stellung der Frau ist im 19. Jahrhundert eine bessere und sichere geworden. Die Vormundschaft über volljährige unverheiratete Frauen wurde in Deutschland durchgängig abgeschafft.“

Aus:
Schillmann, Richard/Viergutz, Felix: Leitfaden für den Unterricht in der Deutschen  Geschichte. Nach dem neuen Grundlehrplane für die Berliner Gemeindeschulen in drei  Teilen bearbeitet von Dr. R. Schillmann und F. Viergutz. III. Teil: Länder-, Verfassungs- und  Kulturgeschichte nebst einem Anhange über Frauenleben und einer Geschichtskarte (1.Klasse) 46. Auflage. Berlin 1904, S. 122f.
URN: urn:nbn:de:0220-gd-7726151

Link zum Original:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-7727577

Quelle 2:

„Aber auch arbeiten lernte das Mägdlein früh. Wohl brauchte sie nicht die schweren Steine der Handmühlen zu drehen, auf denen alles Korn für den großen Haushalt täglich gemahlen wurde. Aber spinnen und weben mußte sie lernen wie die fleißigen Sklavinnen, die alle im Hause gebrauchten Gewänder und Decken verfertigten. […] So wurde das feine weiße Leinen gewebt, so auch bunte Wollstoffe, safrangelbe und purpurrote, und als das heranwachsende Mädchen das machen konnte, da zeigte ihr die Mutter, wie man mit der Nadel bunte Borten hineinstickt und Figuren von Menschen und Tieren, und bewundernd sagten die Sklavinnen, sie „male“ mit der Nadel. – Dann lernte sie noch etwas, was keine der Sklavinnen konnte: lesen und schreiben. Mutter und Vaters Bruder, der ihr Vormund war, lehrten es sie, obgleich es viele Mädchen nicht konnten, und bald hatte sie ihre Freude daran, als sie aus der großen Schriftrolle Homers Werke lesen konnte oder als sie gar der Mutter eine Schriftrolle bringen konnte, auf die sie selbst in den zierlichen Buchstaben der griechischen Schrift einen Lobgesang auf Athene abgeschrieben hatte.“

Aus:
Niebour, M: Lebensbilder aus Sage und Geschichte. Für Klasse VII u. VI. Vorstufe zu  Froning und Wülker, Lehrbuch der Geschichte für höhere Mädchenschulen.  Leipzig/Frankfurt a. M. 1910, S. 51f.
URN: urn:nbn:de:0220-gd-6519421

Link zum Original:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-6826369

 

Quelle 3:

„b) Frauenbildung. Während der Adel auf den Burgen für die Ausbildung der Ritterfräulein im Lesen und Schreiben, im Saitenspiel und Gesang sorgte, wetteiferten in den Städten die Handwerker und Kaufleute in dem Streben, ihren Töchtern eine gewisse Bildung zuteil werden zu lassen. Anfangs besuchten die jungen Bürgermädchen die Schulen in den Nonnenklöstern; seit dem 14. Jahrhundert entstanden jedoch hie und da besondere Mädchenschulen. Es waren Privatunternehmungen von „Lehrfrauen“, die sich auch auf den Unterricht der Knaben erstrecken und den Lehrern an den Stadtschulen oft Anlaß zu Beschwerden gaben, weil ihnen die Schüler entzogen wurden. Auch Schreiber und Briefmaler befaßten sich mit dem Mädchenunterricht; doch blieb in den Städten der größte Teil der Mädchen ohne geregelten Unterricht; in den Dörfern hatten sie überhaupt keine Gelegenheit zu ihrer Ausbildung.“

Aus:
Tromnau, Friedrich: Ferdinand Hirts Neues Realienbuch Nr. 4. Geschichte für  evangelische Schule. Nach den methodischen Forderungen der Gegenwart und den Bestimmungen des Ministerial-Erlasses v. 31.1.1908 bearbeitet von Friedrich Tromnau Mit drei farbigen Karten und 50 Abbildungen und Skizzen im Text. Dritte, erweiterte Auflage. Breslau 1918, S. 43f.
URN: urn:nbn:de:0220-gd-4267171

Link zum Original:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-7894727

 

Quelle 4:

„Die Erziehung der Knaben hatte die Aufgabe, den Ritter auf seinen späteren Stand  vorzubereiten; charakteristisch sind ernste Frömmigkeit, Übung in den Waffen und Verehrung der Frauen. Mit sieben Jahren kam der ritterliche Knabe als Page an den Hof des Lehnsherrn oder eines befreundeten Ritters („Knabe“, garzûn), mit 14 Jahren durfte der „Knappe“ (junchêre) den Herrn auf die Jagd, zum Turnier oder in den Kampf begleiten, mit 21 Jahren wurde er unter feierlichen Zeremonien in der Kirche zum Ritter geschlagen (Schwertleite). Die Erziehung der Mädchen hatte als Ziel die fromme, gebildete Hausfrau. Grundlage der Erziehung war die Religion, aber der Burggeistliche unterrichtete sie auch in allem Wissenswerten, namentlich in Lateinisch und Französisch, während die Mutter sie in den Pflichten der Hausfrau in Haus, Küche und Garten und in die Beschäftigung der Mägde mit Handarbeiten (Spinnen, Weben, Nähen) einführte. Oft kamen die jungen Mädchen auch wie die Knaben an den Hof eines befreundeten Ritters, um dort höfische Zucht zu lernen. Die körperliche Ausbildung, reiten, jagen (Falkenbeize) wurde nicht vergessen.“

Aus:
Ernsing, Rudolf/Pigge, Heinrich/Widmann, Simon Peter: Allgemeine Weltgeschichte. Zugehöriger illustrierter Abriß der Kunstgeschichte ist besonders erschienen. Münster in Westf. 1910, S. 89.
URN: urn:nbn:de:0220-gd-4267171

Link zum Original:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-6898682

 

Quelle 5:

„Durch Frauenhilfe sind dem Vaterlande Tausende von tapferen Kriegern gerettet worden!“ Diese Worte Kaiser Wilhelms I. kennzeichnen treffen die wahrhaft großartigen Leistungen edler, aufopferungsvoller Nächstenliebe der Frauen und Mädchen in den Kriegsjahren 1870/71, Leistungen, die dem heranwachsenden Geschlecht für alle Zeiten als leuchtendes Vorbild dienen können. Alle Augenzeugen stimmen darin überein, daß namentlich in der Krankenpflege den Frauen meist die Krone gebührte vor den männlichen Gehilfen; […] Doch auch daheim wurde von ihnen im Dulden und Leiden und in heldenmütiger Arbeit oft Großes vollbracht. Während der Mann oft draußen im Felde den heimischen Herd verteidigte, verdoppelten die Frauen und Mädchen ihre Leistungen, u ihre des Ernährers beraubte Familie und das Haus vor dem Verfall zu behüten; sie ersetzten den alten Eltern den für das Vaterland gefallenen Sohn; sie ermöglichten dem krank und verwundet heimkehrenden, für jede Arbeit unfähigen Bruder Erholung und Erquickung durch rastloses Schaffen und durch eigenes Hungern und Entsagen. Auch stärkten sie die geliebten Kämpfer im Feindesland durch Mut und Gottvertrauen für ihre schweren Aufgaben. Und war der Gatte, der Sohn, der Bräutigam und der Bruder gefallen, dann trugen sie mit christlicher Ergebung den Verlust. Das waren auch schwere Opfer für das Vaterland.“

Aus:
Mittenzwey, Louis: Frauengestalten. Ein historisches Hilfsbuch, gewidmet der Schule und dem Hause. Zusammengestellt von L. Mittenzwey. Wiesbaden 1898, S. 150.
URN: urn:nbn:de:0220-gd-4497835

Link zum Original:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-4499624

 

Leitfragen:

  1. Was sind die in den Textpassagen dargestellten Kennzeichen von Mädchenbildung ? Beschreibe in Stichworten und unterscheide Antike, Mittelalter und Neuzeit!
  2. Wie unterscheidet sich die dargestellte Mädchenbildung von heute? Gibt es Gemeinsamkeiten?
  3. Belege anhand der Quellen die Ziele der Mädchenbildung des Kaiserreichs? Warum war Mädchenbildung im Kaiserreich wichtig? Warum ist sie heute wichtig?

 

Wie kann man die Lücken schließen, welche Wünsche sind offen geblieben?

Henne-Ei-Problem: Mädchenbildung oder Frauenrechte? Was war zuerst da? Besteht überhaupt eine Verbindung? Nutzt unsere Kommentarspalte für eure Überlegungen.

Schreibe einen Kommentar