Vaterlandsliebe und Kaiserreich

Hintergrund

Die Idee im Kaiserreich war, die Bürger zur damaligen Zeit äußerst staatsbürgerlich zu erziehen, um bei den Bürgern die Vaterlandsliebe zu wecken, sodass sie zukünftig dem Staat mit Ehren dienen konnten bzw. durften. Hierfür nahm der Geschichtsunterricht eine essentielle Rolle ein. Nach Jakob Schütz ist die vaterländische Erziehung von hoher Bedeutung, da sie die Schüler und Schülerinnen auf ihr politisches Leben vorbereitete und „beim Eintritt ins politische Leben […] jeder den Blick auf das Ganze richten und nicht durch die Partei einen Vorhang zwischen sich und sein Volk ziehen lassen“ sollte (Schütz 1912, 79). Nach Messer erhielt bereits in der Antike ein jeder römischer Bürger ab dem 17. Lebensjahr im Rahmen des Geschichtsunterrichts Einblicke in das Staatsleben und lernte bekannte Politiker und Beamte kennen (Messer 1912, 25). Ebenfalls war es jedem Bürger möglich, an Staats-und Volksversammlungen teilzunehmen.
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Hinweise zur Quellenwahl

In den von uns ausgewählten Quellen durchzieht sich „Vaterlandsliebe“ wie ein Roter Faden durch die Schulbücher. Sie machen deutlich, wie wichtig Vaterlandsliebe für jeden Deutschen ist und sein sollte, da sie das Leben eines jeden prägte bzw. prägen sollte. Bei Hopstein wird die Vaterlandsliebe vor allem durch den Stolz auf die Errungenschaften der deutschen Könige und Kaiser indirekt vermittelt. Schütz setzt Vaterlandsliebe in die Tradition antiker und mittelalterlicher Völker, deren Erfolg an sie angeknüpft ist.

 

Quelle 1:

„Hundertfünfzig vaterländische Gedichte für patriotische Schulhefte, insbesondere zum Andenken an die glorreichen Erfolge des Krieges 1870/71 ausgewählt von einem praktischen Schulmanne. […]
Das Heftchen ist aus der Schulpraxis hervorgegangen und wird dem praktischen Bedürfnis dienen. Überall wird ja des Kaisers Geburtstag festlich begangen, und zum Andenken an die glorreichen Erfolge des Krieges von 1870/71 werden innerhalb wie außerhalb der Schule öffentliche Feierlichkeiten veranstaltet, bei welchen vaterländische Gedichte und Gesänge zum Vortrag kommen.
In diese Sammlung ist nichts aufgenommen, was in politischer oder in religiöser Beziehung mit Recht anstößig erscheinen mü[ss]te. Sie soll nicht nur für weiteste Schulreife, sondern auch über diese hinaus brauchbar sein, und zwar nicht bloß für die sogen. Höheren Schulen, auch nicht ausschließlich für katholische Kreise. […] Ausgeschlossen wurde alles, was in sittlicher Beziehung für jugendliche Herzen irgendwie bedenklich erscheint.
Die beigegebenen Anmerkungen waren [nöthig], sollte dem Büchlein auch die Aufnahme in Haus und Familie beschieden sein.“

Aus:
Hopstein, Peter: Vaterländische Geschichte für die Mittelstufe der Volksschulen, Köln am Rhein, 1890.
URN: urn:nbn:de:0220-gd-5508495

Link zum Original:
http://gei-digital.gei.de/viewer/image/PPN680048529/2/

 

Quelle 2:

„[…] in ihrer ganzen Ausdehnung genommen, hebt das Volk, hebt allen Unterschied zwischen diesem und einemgebildeten Stande auf, gibt statt der gesuchten Volkserziehung Nationalerziehung und hatte wohl das Vermögen, den Völkern und dem ganzen Menschengeschlechte aus der Tiefe seines damaligen Elends emporzuhelfen«1).
Das Unglück von Jena hatte Fichte aus einem Vertreter kosmopolitischer Ideen zu einem nationalen und politischen Erzieher seines Volkes gemacht. Jetzt ist er überzeugt, daß die Erziehung zu idealistischer Gesinnung notwendig auch patriotischen Sinn erwecke: »Jener zu erzeugende Geist (des Idealismus) führt die höhere Vaterlandsliebe, das Erfassen seines irdischen Lebens als eines ewigen und des Vaterlands als des Trägers dieser Ewigkeit, und, falls er in den Deutschen aufgebaut wird, die Liebe für das deutsche Vaterland als einen seiner notwendigen Bestandteile unmittelbar in sich selber; und aus dieser Liebe folgt der mutige Vaterlandsverteidiger und der ruhige und rechtliche Bürger von selbst. Es wird durch eine solche Erziehung sogar noch mehr erreicht… Mit unserer Genesung für Nation und Vaterland hat die geistige Natur unsere vollkommene Heilung von allen Übeln, die uns drücken, unzertrennlich verknüpft« 2 ). Die dringend notwendige Neugestaltung der Erziehung kann aber nur vom Staate ausgehen: »Der Staat als höchster Verweser der menschlichen Angelegenheiten und als der Gott und seinem Gewissen allein verantwortliche Vormund der Unmündigen hat das vollkommene Recht, die letzteren zu ihrem Heile auch zu zwingen« 3 ). Die praktischen Vorschläge freilich, die Fichte für diese Neugestaltung macht, waren allzu einschneidend, als daß sie ausführbar gewesen wären, auch werden sie der Bedeutung des Elternhauses für die Erziehung zu wenig gerecht. Die Kinder, und zwar Knaben und Mädchen zusammen, sollen »in gänzlicher Absonderung von den Erwachsenen mit ihren Lehrern und Vorstehern allein Zusammenleben«. Diese An stalten sollen »kleine Wirtschaftsstaaten« bilden, deren Grundgesetz sei, daß in ihnen »kein Artikel zu Speise, Kleidung usw., noch, soweit dies möglich ist, [irgend ein] Werkzeug gebraucht werden dürfe, das nicht in ihnen selbst erzeugt und verfertigt sei« […]“

Aus:
Messer, August: Das Problem einer staatsbürgerlichen Erziehung. Historisch und systematisch behandelt, Leipzig 1912.
URN: urn:nbn:de:gbv:8:2-4457696

Link zum Original:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/image/PPN1016148968/58/

 


Quelle 3:

„Auch wir wollen die Weltgeschichte durchblättern und von den ältesten Völkern an bis auf unsere Zeit in der Geschichte betrachten, wie sehr alle Völker ihr Vaterland schätzten und liebten und für dessen Wohl keine Mühen und Opfer scheuten, ja freudig ihr Leben hingaben für seine Größe und Macht. Um uns für unser eigenes Vaterland zu entflammen und zu begeistern, wollen wie die einzelnen Völker, die durch ihre Vaterlandsliebe sich besonders auszeichneten, vor unserem Geistesauge vorüberziehen lassen. Für uns wird so die Weltgeschichte eine Lehrerin und Erzieherin zur echten und starken Liebe zum Vaterland, die allein uns befähigt, Blut und Leben für dasselbe zu opfern in den ernsten Stunden der Gefahr.“

Aus:
Schütz, Jakob Huntert: Vaterland! [Cöln] 1912.
URN: urn:nbn:de:0220-gd-4478637

Link zum Original:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-4478847

 

Quelle 4:

„4. Kapitel
Quellen der Vaterlandsliebe.
Zwei Faktoren gibt es, ohne die ein geordnetes Staatswesen nicht bestehen kann, und diese beiden Faktoren sind: Schule und Kirche, welche beide ja auch die Hauptförderer des Vaterlandsgedankens und der Vaterlandsliebe sind. Jeder Art von Schulen, von der Volksschule an bis hinauf zur „Alma Mater“ widmet Kaiser Wilhelm II. mit seiner Regierung die größte Aufmerksamkeit, damit das deutsche Volk, das von anderen Nationen „das Volk der Denker“ genannt wird, immer diesen schönen Ehrennamen behalte. Noch in der allerjüngsten Zeit zeigte der Kaiser das hohe Interesse, das er für die Schule hegt: Am 19. August 1911 überreichte er ja eigenhändig eine neue Fahne an die Prima des Kasseler Fridericianums an Stelle der alten Fahne, welche Kaiser Friedrich der Prima geschenkt hatte. In einer Ansprache an die Kasseler Gymnasiasten empfahl der Kaiser das Studium der vaterländischen Geschichte, die uns das Elend der Jahrhunderte langen Zerrissenheit Deutschland zeige und mahnte, beim Eintritt ins politische Leben solle jeder den Blick auf das Ganze richten und nicht durch die Partei einen Vorhang zwischen sich und sein Volk ziehen lassen.“

Aus:
Schütz, Jakob Huntert: Vaterland! [Cöln] 1912.
URN: urn:nbn:de:0220-gd-4478637

Link zum Original:
http://gei-digital.gei.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0220-gd-4479588

 

Leitfragen:

  1. Wie kann man „Vaterlandsliebe im  deutschen Kaiserreich anhand der 4 Quellen definieren?
  2. Welche Rolle haben Schule und Kirche auf die Kreation/Förderung von Vaterlandsliebe?
  3. Kann man heute in Deutschland noch von Vaterlandsliebe (in Hinblick auf Nationalstaat, -hymne, Sport, etc.) sprechen?

Was denken Sie? Brauchen wir Menschen Vaterlandsliebe als Identifikationsmermal in einer globalisierten Welt? Nutzen Sie hierfür gerne die Kommentarfunktion!

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