„3D“ – Der historische Lernort Museum zwischen Authentizität und Virtual Reality

Thorsten Heese

„3D-virtuell“ und „3D-analog“ bilden das Spannungsfeld, in dem der historische Lernort Museum derzeit sein Potenzial als Vermittlungsort ästhetisch-visueller Kompetenz neu definiert. Die digitale Revolution beschert dem Museum dabei scheinbar spektakuläre Perspektiven: „Virtual Reality“ erschafft – gerade für Jugendliche – attraktive Lernräume, die als „time tunnel“ spielend durch die Geschichte leiten. Objekte sind dabei überflüssig.
Parallel zu den steigenden virtuellen Möglichkeiten vergegenwärtigt der „Material turn“ die besonderen Qualitäten der tradierten Institution „Museum“ als Speicher materieller Kultur. Im Zentrum dieses zentralen analogen Ankers materiell-kultureller Bewusstseinsbildung steht die authentische historische Sachquelle. Die unvergangenen originalen Lebensspuren historischer Subjekte, die sich in diesen „Transitionsobjekten“ spiegeln, bilden für die Vermittlung musealer Geschichtskompetenz mitunter noch ungehobene didaktische Potenziale. Das Museum als „Hardware-time tunnel“ weist – anders als virtuell konstruierte Scheinrealitäten – authentisch und selbstständig den Weg durch die Geschichte, da es selbst historische Durch- und Übergänge verkörpert.
Museen als Einrichtungen dreidimensionaler Visualität können daher über ihre Präsentationen ein historisch orientiertes, visuelles Bewusstsein vermitteln, das die Wahrnehmung seines Publikums schult, indem es z.B. für Formen der Manipulation sensibilisiert. Dazu werden visuelle Phänomene mit einer rationellen Ebene verknüpft, die politische, historische, kulturelle und soziologische Hintergründe aufdeckt. Dies bestärkt Menschen darin, unabhängig und autonom zu handeln. Bei diesen Prozessen sind Sachquellen unsere zentralen Vermittlungsinstanzen – als authentische Bindeglieder zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit.

Dr. Thorsten Heese (1965)
Studium der Geschichte, Politik und Kunstgeschichte in Osnabrück und Hull/GB
2002 Promotion an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Kurator für Stadt- und Kulturgeschichte am Museumsquartier Osnabrück
Gastdozent der Universität Osnabrück für Museumsdidaktik / Museumspädagogik
Herausgeber der Reihe „Museum konkret“ im Wochenschau-Verlag, Frankfurt/M. (Methodik historischen Lernens im Museum)

Veröffentlichungen (thematische Auswahl)

  • Agenda „Museum 2020“. Brauchen Museen noch Objekte? Ja, unbedingt!, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 68, 2017, H. 1/2, S. 5-25
  • Sachquellen – Geschichte zum Anfassen, in: Michael Sauer (Hg.): Spurensucher. Ein Praxisbuch für historische Projektarbeit, Hamburg 2014, S. 174-201
  • Außerschulische Lernorte im Geschichtsunterricht: Das Museum, in: Bärbel Kuhn, Susanne Popp, Jutta Schumann, Astrid Windus (Hg.): Geschichte erfahren im Museum (Historica et Didactica. Fortbildung Geschichte: Ideen und Materialien für Unterricht und Lehre; 6), St. Ingbert 2014, S. 13-21
  • „Die Mode wechselt – der Druckknopf bleibt!“ Zum Verhältnis von Objekt, Publikum und Narrativ in historischen Museen, in: Mitteilungsblatt. Museumsverband für Niedersachsen und Bremen e.V. 73, 2012, S. 64-74
  • Vergangenheit „begreifen“. Die gegenständliche Quelle im Geschichtsunterricht (Methoden Historischen Lernens), Schwalbach/Ts. 2007