Arbeit mit Objekten an der TU Bergakademie Freiberg

Andreas Benz, TU Bergakademie Freiberg

Die TU Bergakademie Freiberg ist im Besitz von mehr als 30 wissenschaftlichen Sammlungen, die seit 2014 im Rahmen einer Sammlungsordnung rechtsverbindlich als Kulturgut definiert sind und damit unter besonderem Schutz stehen. Kennzeichnend für die Freiberger Sammlung ist eine Dreiteilung in Bezug auf Zuständigkeit und Nutzung.
Die herausragenden Geowissenschaftlichen Sammlungen bilden organisatorisch wie personell eine eigenständige Einheit. Mit zahlreichen Forschungs- und Digitalisierungsprojekten können sie als ein Paradebeispiel für die Transformation historischer Bestände in die Universität des 21. Jahrhunderts gelten. Darüber hinaus umfassen sie mit terra mineralia und dem Krüger-Haus zwei Stiftungssammlungen, die zu den weltweit bedeutendsten mineralogischen Schauen zählen.
Einen zweiten Schwerpunkt bilden die Einzelsammlungen, welche an ihren ursprünglichen Instituten verblieben und dort fachspezifisch betreut werden. Auch hier finden sich wissenschaftliche Glanzlichter wie die anorganisch-chemischen Proben (Winkler-Sammlung), die bis heute für die Vermittlung studienfachrelevanter Grundlagen genutzt werden.
Bei etwa einem Dutzend der Sammlungen findet eine derartige „fachgerechte“ Nutzung jedoch nicht mehr statt. Sie traten sukzessive aus dem Kreislauf der klassischen universitären Lehr- und Forschungssammlungen heraus und sind nunmehr als wissenschaftshistorische Bestände in der zentralen Kustodie untergebracht. Das thematische Spektrum ist ebenso vielfältig wie die Objektstruktur. So finden sich neben der berühmten Sammlung für Bergbaukunde etwa mathematische Modelle, physikalische Geräte oder Eisenkunstgussplatten.
Im Vortrag wird aufgezeigt, wie die Kustodie, deren Leiter zugleich als Sammlungsbeauftragter der Universität fungiert, diese Bestände verstärkt für die museologische Lehre einsetzt. Dies wird am herausragenden Bestand der historischen Bergbau- und Hüttenmodelle dargestellt, die zugleich exemplarisch für den geschichtlichen Funktionswandel universitärer Sammlungsobjekte stehen.
In ihrer Blütezeit im 19. Jahrhundert wurden sie überwiegend, wenngleich nicht ausschließlich, als Präsentationsobjekte zur Vermittlung in der fachspezifischen Lehre hergestellt. Mit der im Zuge des technischen Fortschritts zunehmenden Komplexität hatte dieses didaktische Mittel bereits um 1900 seinen Höhepunkt überschritten und wurde – wie auch der aktive Freiberger Bergbau – nach dem Ersten Weltkrieg aufgegeben.
Eine Wiederentdeckung als Lehrobjekte erfolgte erst mit der Gründung der Kustodie im Jahre 1985. Nachdem eine „Rettung“ und Restaurierung der in Vergessenheit geratenen Modelle stattgefunden hatte, konnten diese nunmehr in historischem Kontext in die Lehre integriert werden. Die Möglichkeit dazu bot die Anbindung der Kustodie an das Institut Wissenschafts- und Technikgeschichte (IWTG).
In den letzten zehn Jahren wurde dieser Schritt mit Gründung der Studiengänge Industriearchäologie (Bachelor) bzw. Industriekultur (Master) sukzessive vertieft. Die im Lehrplan verankerten museologischen Module werden von der Kustodie durchgeführt und finden überwiegend in deren Räumlichkeiten statt. So kommen die Studierenden nicht nur intensiv mit Objekten in Kontakt, sondern lernen auch die Licht- und Schattenseiten hinsichtlich deren Unterbringung hautnah kennen.
Mit der „Praktischen Museologie“ gibt es ein zweisemestriges Seminar, in dem explizit die Umsetzung von Sammlungs- und Ausstellungskonzepten erprobt wird. In den letzten drei Jahren entstanden zwei größere Sonderausstellungen, bei denen die Studierenden sich eigenständig mit einem bestimmten Sammlungsbestand auseinandersetzen mussten und anhand festgelegter Fragestellungen und Kriterien Objekte auswählten.
Die Ausstellung „Perspektiven der Bergbausammlung“ veranschaulicht gut die Rolle und den Wandel von Sammlungsobjekten als Quellen. Hier wurden die nach ihrem vormaligen Nutzungszweck erfassten und magazinierten Stücke unter ganz neuen Gesichtspunkten angeordnet – aus heutiger Perspektive der Studierenden. Auf diese Weise ließen sich völlig veränderte Zugänge zu den Objekten herstellen, sei es bezüglich ihrer Herkunft, den vormals beteiligten Personen(gruppen) oder künstlerischen Aspekten.
Einen anderen Ansatz verfolgt das Seminar „Erhalt von Kulturgut“. Dort erwerben die Studierenden elementare Kenntnisse im direkten Umgang mit Sammlungsobjekten. Dies beinhaltet auch die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Materialien im Sinne historischer Werkstoffkunde. Unter Berücksichtigung von Objektgeschichte und Funktionsweise sowie Beschaffenheit des Materials entstehen im Idealfall binnen eines Semesters Studienarbeiten, die wichtige Impulse für eine Verbesserung der Unterbringung und der öffentlichen Wahrnehmung der Objekte liefern.
Neben den klassischen Arbeitsfeldern Sammeln und Bewahren hat sich die objektbezogene Lehre zu einer wichtigen Säule für die Arbeit der Kustodie entwickelt. Sie hat maßgeblich zur erhöhten Wahrnehmung der Sammlungen nach außen geführt und zugleich die Legitimation nach innen gestärkt. Denn schließlich sind Universitäten keine Museen.