Informelles Lernen mit Spielzeug? Ethnographische Beobachtungen zu Geschichtsdarstellungen im Kinderzimmer

Christoph Kühberger

Der Vortrag erforscht Spielzeug als Teil der Geschichtskultur, indem die Beziehung zwischen Kindern und ihren Spielsachen, insbesondere jenen „Dingen“, denen eine Vergangenheitsinterpretation eingeschrieben wurde, herausgearbeitet wird. Entlang eines Beispiels aus dem Corpus einer breiter angelegten ethnographischen Untersuchung in österreichischen Kinderzimmern zur materiellen Geschichtskultur, die Kinder zwischen 7 bis 13 Jahren in ihren eigenen Räumen umgibt, kann gezeigt werden, wie derartige Spielsachen genutzt und wahrgenommen werden. Die Untersuchung fokussiert dabei nicht nur den materiellen Aspekt und die soziale Positionierung des geschichtskulturell kodierten Spielzeugs, sondern versuchen auch, die informellen Lernmomente im Umgang damit sichtbar zu machen. 
Über einen Rückgriff auf ethnographische Methoden werden die Kinderzimmer ganz im Sinn der Ethnologie als eigenständige Kulturen betrachtet. Aus diesem Grund müssen auch die Bewohner_innen ganz zentral in den Forschungsprozess miteinbezogen werden, um mentale oder soziale Interaktion im Umgang mit dem Spielzeug – ganz im Sinn der neueren Forschung zur materiellen Kultur – herausarbeiten zu können. Interviews, Fotodokumentationen und Beobachtungen vor Ort haben die Möglichkeit eines „going native“ geboten, zumindest für die kurze Zeit der Begegnung zwischen Forscher_innen und Kinder im privaten Wohnraum der letzteren. Über Zugänge der Inhaltsanalyse, der visual ethnography und der Interpretation von Objekten der Geschichtskultur, die dort aufgefunden wurden, können Aussagen über eine bislang weitgehende terra inkognita des privaten historischen Lernens getroffen werden, die die materielle Kultur als solche sowie der daran geknüpfte Forschungsprozess in den Mittelpunkt stellt. 
Erste Resultate aus verschiedenen Kinderzimmern zeigen bereits ein klares Bild, dass man nämlich in nahezu allen Kinderzimmern Aspekte von Geschichts- oder Erinnerungskulturen auffinden kann. Das Spektrum reicht dabei von Spielwaffen aus dem Altertum über Souvenirs aus dem Urlaub bis hin zu verschiedensten Plastikfiguren. Das Hauptziel der Untersuchung ist es, den individuellen Umgang mit geschichtskulturell kodierten Spielzeug in der Lebenswelt der Kinder aufzuzeigen. Über ein informelles Lernen in der Begegnung mit dem Spielzeug werden auch Vorstellungen über die Vergangenheit geprägt, mit denen die Kinder später in den Geschichtsunterricht kommen.

Projektseite:
https://www.christophkuehberger.com/forschung-und-projekte/laufende-projekte/kinderzimmer/