Kinderkulturen und ihre Materialitäten – Artefakte als Quellen einer ›Geschichte der Kinder‹

Wiebke Hiemesch | Universität Hildesheim

Im Mittelpunkt des Vortrags steht das Forschungskonstrukt „Kinderkultur(en)“.​1​ In der Literatur wird in der Regel zwischen einer Kultur für Kinder und einer Kultur von Kindern unterschieden;​2​ zwischen einerseits ‚structure’ – von Erwachsenen für Kinder geschaffene Dinge, Angebote und Bedingungen – und andererseits subjektiver ‚agency’ – kulturellen Ausdrücken und Dingen, die von Kindern geschaffen und hervorgebracht wurden. Der Vortrag entwickelt einen Vorschlag, diese Dualität um die Materialitäten von Kinderkulturen zu einer Triade zu erweitern. Mit dem Forschungskonstrukt Kinderkultur(en) treten Kinder als dezidiert kulturelle Akteure in den Blick, die mit eigenen ästhetischen Praxen an der Hervorbringung von Kultur mitwirken. Dieser Fokus macht es für eine subjektorientierte ‚Geschichte der Kinder’ anschlussfähig.
Dinge waren zwar immer schon Gegenstand der Kinderkulturforschung.​3​ Ihnen wurde aber nur bedingt zugesprochen, konstitutiv an sozialen Prozessen und Wirklichkeitskonstruktionen beteiligt zu sein. Der Vortrag erschließt demnach kein neues Feld, sondern denkt bestehende Ansätze zur Erforschung von Kinderkultur(en) weiter und schließt dazu an aktuelle Theorieentwicklungen an.
Als ein Phänomen der dinglichen Welt stehen Artefakte im Mittelpunkt des Vortrags. Artefakte sind Dinge, die mit menschlichem Geschick geschaffen oder umgeformt wurden. In ihnen materialisieren sich Vorstellungen und Symbolsysteme. Diese Bedeutungen werden aber nicht allein von Erwachsenen und Kindern geschaffen, sondern in Netzwerken aus menschlichen und nicht-menschlichen Entitäten hervorgebracht und stabilisiert.​4​ Um nun auf Artefakten basierend etwas über die Weltdeutungen und Wirklichkeitskonstruktionen in kinderkulturellen Praktiken zu erfahren, wären die Artefakte selbst auf ihre Materialität, ihre Nutzungsweisen und Bedeutungszuschreibungen sowie ihre Beteiligung an der Hervorbringung von Kultur zu befragen.
Diese theoretischen Überlegungen zu Kinderkulturen und ihren Materialitäten diskutiert der Vortrag anhand von Artefakten aus dem Kunstprojekt „Bridging the Gap“, das am Youth Wing des Israel Museums (Jerusalem) angeboten wird. Das Projekt richtet sich an Kinder aus Ost- und Westjerusalem und eröffnet auf der Grundlage eines kunstpädagogischen Angebots Begegnungen zwischen jüdischen und arabischen Kindern. Es handelt sich nicht im engeren Sinne um historische Artefakte. Sie eignen sich aber, die in dem Vortrag anvisierte Triade von Erwachsenen, Kindern und Dingen zu entwickeln.
Anhand dieser exemplarischen Analyse plädiert der Vortrag dafür, die Artefakte selbst als bedeutungstragende- und bedeutungsschaffende Akteure, ebenso wie die Netzwerke mitzudenken, in denen sie eingebunden waren und sind. Ein Blick auf Kinderkulturen und ihre Materialitäten eröffnet damit zweierlei Potenzial für Historisches Lernen. Er zeigt auf, dass Geschichte und Gesellschaft stetig verhandelt und gestaltet werden und dass Kinder und die von ihnen geschaffenen Dinge selbst als politische und historische Akteure Teil dieses Konstruktionsprozesses sind.


  1. ​1​
    Vgl. Pia Schmid: Kinderkultur als Forschungskonstrukt. Ein Ereignis aus dem Jahr 1727, in: Zeitschrift für Pädagogik 52/1 (2006), S. 127-148.
  2. ​2​
    Vgl. bspw. Baader, Meike S.: ‚An der großen Schaufensterscheibe sollen sich die Kinder von innen und die Passanten von außen die Nase platt drücken’. Kinderläden, Kinderkulturen und Kinder als Akteure im öffentlich- städtischen Raum seit 1968, in: Meike S. Baader/Ulrich Herrmann (Hg.): 68 – Engagierte Jugend und Kritische Pädagogik. Impulse und Folgen eines kulturellen Umbruchs in der Geschichte der Bundesrepublik, Weinheim 2010, S. 232-251; Dieter Lenzen: Kinderkultur, in: Ders. (Hg.): Pädagogische Grundbegriffe. Band 2. Jugend bis Zeugnis. 6. Auflage, Reinbek 2001; Hermann Bausinger: Kultur für Kinder – Kultur der Kinder, in: Konrad Köstlin (Hg.): Kinderkultur. 25. Volkskundekongreß in Bremen vom 7. – 12. Oktober 1985 in Bremen, Bremen 1987, S. 11-18.
  3. 3
    Vgl. u.a. Ingeborg Weber-Kellermann: Die Kindheit. Eine Kulturgeschichte, Frankfurt a.M. 1979; Burkhard Fuhs: Der Zauber der Dinge in der Kindheit. Materielle Kinderkultur im Kontext von Sach- und Erinnerungsforschung. In: Claudia Schachtener (Hg.): Kinder und Dinge. Dingwelten zwischen Kinderzimmer und FabLabs, Bielefeld 2014, S. 63-88.
  4. 4​
    Vgl. Manfred Lueger/Ulrike Froschauer: Artefaktanalyse. Grundlagen und Verfahren, Wiesbaden 2018; Bruno Latour: Über technische Vermittlung: Philosophie, Soziologie und Genealogie. In: Andréa Bellinger/David J. Krieger (Hg.): ANThlogy. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, Bielefeld 2006, S. 483-528.