Von Bruno Latours Assoziationen zu Theodore Schatzkis social sites

Winfried Freitag

Vergleicht man die Arbeiten Latours und Schatzkis, so findet man mehr Gemeinsam­keiten als Trennendes. Beide wenden sich gegen Soziologien, die allein von den Menschen und ihren Interaktionen ausgehen, der belebten und unbelebten Materie aber nur eine untergeordnete Rolle zubilligen, diese nur über einen angeblichen Dualismus Subjekt – Objekt oder eine vermeintliche Schnittstelle Natur – Gesellschaft berücksichtigen. Was sie stört, ist die Grenze, die Theoretiker gewohnt sind, zwischen dem Sozialen und den Dingen ziehen. In den Worten Schatzkis: “Materiality is part of, a constituent of, social phenomena. […] materiality is not interwoven with social life but, stronger, a dimension of it.”1​
Latour und Schatzki ebenfalls gemeinsam ist das Beharren auf einer flachen Onto­logie. Sie brechen mit der Unterscheidung zwischen zwei Realitätsbereichen: einer Ebene der Individuen und einer der Strukturen, Systeme oder Institutionen, von der vorgeblich die Handlungen und Interaktionen der Individuen abhängen. Die Sphäre des Sozialen erstreckt sich, so Schatzki, “ausschließlich auf einer einzigen Ebene (oder vielmehr: auf keiner Ebene)”. Es gibt “nur einen einzigen Bereich”.​2 Eng verknüpft mit dem Ziel, das Soziale zu flach halten, ist die Soziologie der Assoziationen, die beide vertreten: “Vergleichbar mit meiner Position,” so Schatzki, “ist Bruno Latours Auffassung, dass das Soziale (und letztlich alles, was existiert) aus einer Vielzahl verbundener Assoziationen besteht.”​3​
Einigkeit herrscht schließlich auch, was das Verhältnis von Mikro zu Makro angeht: “Vermeintlich übergeordnete oder globale soziale Phänomene haben […] denselben Aufbau wie Mikro- oder lokale Phänomene”, erstrecken sich aber “weiter in Raum und Zeit”.​4​ In diese Einigkeit eingeschlossen ist die Erkenntnis, “dass größere Phänomene aus kleineren ‘hervorgehen'” oder – wie Schatzki Latour zustimmend zitiert: “Das Kleine hält das Große. Oder vielmehr, das Große könnte jeden Moment wieder im Kleinen ertrinken, aus dem es aufgetaucht ist und zu dem es zurückkehren wird.”​5​
Die Wege beider trennen sich, wenn es um Symmetrie, den Einfluss des Kontextes und die Rolle der Praktiken geht. Schatzki weist das ANT-Prinzip vollständiger Sym­metrie zurück und räumt der menschlichen agency eine Sonderstellung ein. Die Tatsache, dass Artefakte und natürliche Dinge andere Entitäten umwandeln können, impliziert für ihn nicht, dass sie das so wie Menschen tun.​6​ Er unterscheidet vielmehr zwischen der menschlichen oder performativen agency und der kausalen der Dinge. Für menschliche agency gilt: “Performing an action is […] carrying on the practice of which it is a part.”​7​Kontext ist für Latour ein Reizwort, das die alten Dualismen wieder aufleben lässt und die flache zu einer dreidimensionalen Ontologie zu verfälschen droht.​8​ Der Kontext, den auch er akzeptiert, ist nicht in einer anderen Dimension zu finden, sondern im räumlichen Ausgreifen und im Entfalten der Inhalte, im Weiterver­folgen der Verknüpfungen auf ein- und derselben Ebene. Für ihn bedeute Kontext, so die Kritik Schatzkis, einfach weitere Netzwerke. Die Wirklichkeit, in der Menschen leben, werde so zu einem “immense labyrinth of interconnected networks.”9​ Der Hauptunterschied zeigt sich bei den Praktiken. Latour räumt ihnen in der ANT keine hervorgehobene Stellung ein. Schatzki nimmt sie ins Zentrum seines social site approach’s auf: “‘human coexistence’ (the hanging-together of human lives), inherently transpires as part of bundles of practices and material arrangements.”​10 Solche Bündel oder “nexuses” nennt er social sites und definiert Geschichte als “the realm and course of past practice-arrangement nexuses.”​11
Schatzki schickt den Forschenden nicht in ein Labyrinth. Er regt ihn vielmehr dazu an, die in einer social site gängigen Prak­tiken, die vorhandenen materiellen Arrangements und die Verknüpfungen zwischen ihnen zu ermitteln und damit die Möglichkeiten oder Pfade sichtbar zu machen, die sich den handelnden Menschen eröffnen. Den Einfluss des Kontextes social site auf die menschliche agency nennt er Präfiguration und hält fest: “humans are fated to exist in a prefigured landscape of multidimensionally quali­fied paths.”12 Die Zukunft werde gemacht, so fasst er seine Überlegungen zusammen, “im unaufhörlichen Vorangehen menschlicher und nicht menschlicher agency. Dieses Vorangehen ist aber kein Sprung in einen leeren, furchenlosen, isotropischen Raum, der in jede Richtung Bewegung aufnimmt. Agency erfindet nicht die gesamte Zukunft aus ihren eigenen Ressourcen. Sie schlägt vielmehr wie ein Lichtbogen durch eine buntscheckige und gefaltete Landschaft unterschiedlich geeigneter Pfade. Agency bringt die Zukunft innerhalb eines bestehenden Netzes von Praktiken und Arrange­ments hervor. […] Das unaufhörliche Vorangehen von agency ist in der Tat das endlose Sich Ereignen des Ortes des Sozialen. Von ihm geht werdende agency im doppelten Sinne aus: in ihm hat sie ihren Ursprung und findet statt und von ihm wird sie, indem sie das tut, geformt.”​13​
Schatzki gelingt es, die Schwächen Latours zu meiden, ohne Praktiken und Makro­phänomene zu präexistierenden Entitäten zu überhöhen oder in solchen zu verankern. Der Tanz der agency bleibt “open-ended”, das Soziale flach und im Fluss.


  1. 1​
    Materiality and Social Life, in: Nature and Culture 5. 2010, S. 123-149, hier S.141.
  2. 2​
    Praxistheorie als flache Ontologie, in: Hilmar Schäfer (Hg.), Praxistheorie. Ein soziologisches Forschungsprogramm, Bielefeld 2016, S. 29-44, S. 29 u. 31.
  3. 3​
    Ebd., S. 35.
  4. ​4​
    Ebd., S. 34.
  5. ​5​
    Ebd., S. 40. Schatzki zitiert Bruno Latour, Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Eine Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie, Frankfurt a. M. 2010, S. 419.
  6. ​6
    Vgl. Theodore Schatzki, The Site of the Social. A Philosophical Account of the Constitution of Social Life and Change, Pennsylvania State University Press 2002, S. 203.
  7. 7​
    Ebd., S. 192.
  8. ​8​
    Vgl. Latour, Neue Soziologie, S. 248f., 255, 288-293.
  9. ​9​
    Site, S. 67.
  10. ​10​
    Theodore Schatzki, Keeping Track of Large Phenomena, in: Geographische Zeitschrift 104. 2016, S. 4-24, hier S. 5.
  11. ​11
    Theodore Schatzki, The Timespace of Human Activity. On Performance, Society, and History as Indeterminate Teleological Events, Lanham 2010, S. 208.
  12. ​12​
    Site, S. 226.
  13. ​13​
    Ebd., S. 210 (Übersetzung W.F.).