Von der Immanenz zur Transzendenz der Dinge

Ein Exponat des „Peace Memorial Museum“ in Hiroshima

Thomas Martin Buck

Auf Affektionen bzw. dem Affiziert werden der Sinne durch empirisch vorfindliche Gegenstände beruhen nach Immanuel Kant alle Anschauungen. Dinge bleiben mithin nicht bei sich. Sie strahlen über Sinnesdaten aus, lösen Empfindungen aus, wirken nach und auf uns ein. Sie „sprechen“ an. Sie berühren bzw. affizieren uns. Im Beitrag von Annemarie
Hürlimann zum „Umgang mit Dingwelten in der aktuellen Ausstellungspraxis“ ist von „Anmutungsqualität“ die Rede, ohne dass, was damit gemeint ist, klar definiert würde. Das gilt auch für den von Walter Benjamin aufgerufenen „Aura“-Begriff, der in diesem Zusammenhang gern bemüht wird. Keiner weiß wissenschaftlich exakt, was das ist, aber jeder verwendet den Begriff, um das Besondere einer Ding-Mensch-Konstellation zu kennzeichnen.
Ungeachtet dessen, lassen uns die meisten Dinge unberührt. Sie sind „Objekte“ (rex extensa), die uns als Subjekt (res cogitans) entgegenstehen. Doch manchmal ist es anders. Das Ding bewegt sich. Es infiltiert uns. Es kommt zu einer Koinzidenz. Etwas von außen dringt ins hermetisch Innere unserer Person ein und löst einen Erkenntnisprozess aus, der zwischen dem Außen und Innen vermittelt und dem Ding als „Symbol“ eine neue Bedeutung verleiht. Typisch hierfür ist das, was Rainer Maria Rilke in seinem „Dinggedicht“ „Der Panther“ beschreibt: „Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf, dann geht ein Bild hinein, geht durch der Glieder angespannte Stille […]“.
Die „Berührung“ durch die äußeren Dinge ist die Voraussetzung für Einordnung, Verständnis, Interpretation. Es gibt mithin offenbar Dinge, die sich selbst transzendieren, uns unmittelbar ansprechen, einen Diskurs generieren. Das gilt mitunter auch für Sachquellen. Ich will diesen für Historikerinnen und Historiker grundlegenden Vorgang an einem besonderen Musumsexponat verdeutlichen, dem ich am 6. August 2018 im „Peace Memorial Museum“ in Hiroshima mehr oder weniger zufällig begegnet bin. Es handelt sich um „Shin´s Tricycle“, eine exzeptionelle Sachquelle.
Der Begriff „Begegnung“ ist hier allerdings in einem weiten und tiefen Sinn zu verstehen, zum einen, weil die Begegnung zufällig am Jahrestag des Atombombenabwurfs, am 6. August 2018, stattfand, ohne dass wir davon wussten, was meine Empfindung für den Gegenstand wohl verstärkte, und zum anderen, weil der Begriff eigentlich für Subjekt-Subjekt-Beziehungen und nicht für Subjekt-Objekt-Beziehungen reserviert ist. Der Gegenstand und seine Geschichte haben mich bis heute nicht losgelassen. Ich will in meinem Vortrag darüber nachdenken, warum das so ist und was uns dieser Gegenstand im Bereich historischen Lernens zu sagen hat.
Einen Gegen-Stand, ein Objekt (obicere), nimmt man wahr, man begegnet ihm nicht, wie man einem Menschen begegnet. Dennoch würde ich insistieren und von einer „Begegnung“ sprechen wollen. Denn hier ging die Begegnung von einem Ding aus, das mich affizierte, mich unmittelbar „ansprach“, weil der Mensch, der es besaß, Shin Tetsutani, nicht mehr zu mir sprechen konnte. Es war sein Gegenstand, sein Spielzeug, auf dem er als dreijähriger Junge zufällig saß, als 200 Meter über ihm ein universal- und weltgeschichtliches Ereignis stattfand, von dem er nichts ahnen konnte und von dem er nie etwas wusste. Der Mensch, der nicht mehr ist und quasi aus der Geschichte verschwand, ohne richtig gelebt zu haben, sprach über das Ding zu mir. Von daher erklärt sich der Titel meines Vortrags „Von der Immanenz zur Transzendenz der Dinge“.
Das Exponat ist real, es ist authentisch, es zeigt die Spuren nicht nur der atomaren Vernichtung, sondern auch der Tatsache, dass es jahrelang in Gartenerde eingegraben war. Ohne das Geschehen vom 6. August 1945 wäre es nur ein Alltagsgegenstand, der nicht der Rede wert wäre – ohne jede historische Qualität. Durch das Geschehen ist es zu einer exzeptionellen Quelle geworden, die über sich hinaus- auf ein Geschehen weist, das nur schwer fassbar ist. Gleichwohl würde ich mich weigern, nur von einer Sachquelle zu sprechen.
Es ist keine Scherbe, kein Tontopf, kein Faustkeil oder eine Silbermünze. Es ist ein Spielzeug, das jetzt für einen Menschen steht, der ausgelöscht wurde. Das Spielzeug ist heute ein Gefäß, das zum Nachdenken anregt über den irrationalen Verlauf der Geschichte. Gerhard Schneider hat am Ende seiner Freiburger Zeit ein Buch herausgegeben, das er mit dem Titel „Meine Quelle“ überschrieb. Kolleginnen und Kollegen sollten „ihre“ Quelle, also etwas nennen, wozu sie einen besonderen Bezug haben. Mir ist erst jetzt klar geworden, was er damit meinte.
Wir sprechen nicht gern darüber, aber jeder Historiker/jede Historikerin hat ein Motiv, das ihn veranlasst, sich professionell mit Geschichte zu beschäftigen. Meist ist es vorwissenschaftlich-persönlicher Natur: Ein Erlebnis, eine Erfahrung, ein Phänomen, ein Geschehen, das uns geprägt hat und von dem wir nicht loskommen. Mir ist dies mit Shin´s Tricycle so gegangen. Hinzu kommt, dass dem Gegenstand eine historische Qualität von sich aus nicht eignet. Der Gegenstand weist über sich hinaus, weil er exemplarisch verdeutlicht, wie Geschichte aus einem Alltagsgegenstand eine Quelle machen kann.
Im Exponat des „Peace Memorial Museum“ in Hiroshima und dem begleitenden Familienphoto zeigt sich in einer für Historiker frappierenden Weise die Koinzidenz von Einzel- und Gesamtschicksal, von Individualität und Kollektivität. Dass ein Gegenstand sich selbst transzendiert, kommt nicht oft vor, da wir uns Dinge im Allgemeinen als passiv, objektiv, statisch und erratisch vorstellen. Für Sachquellen dürfte der Vorgang aber eher die Regel sein. In ihnen ist eine Geschichte verborgen, die offen gelegt und „präsentiert“ sein will. Man kann an diesem Beispiel trefflich zeigen, dass man „Dingen“ ihr narratives Potential entlocken muss, damit sie Erkenntnisse generieren, die man aus anderen Medien nicht gewinnen kann.